// aufgelesen vol. (5)02 – „die entblössten“

mit dem Werk „Die Entblössten“ von Marion Messina. // Marion Messinas neuer Roman „Die Entblössten“ ist eine messerscharfe Analyse unserer modernen Gesellschaft, die mit schonungsloser Präzision das Leben dreier Protagonisten seziert, deren Schicksale sich in einer Welt überschneiden, die zunehmend aus den Fugen gerät. Auf nur 170 Seiten entfaltet Messina eine dichte, beklemmende Erzählung, die […]

mit dem Werk „Die Entblössten“ von Marion Messina.

// Marion Messinas neuer Roman „Die Entblössten“ ist eine messerscharfe Analyse unserer modernen Gesellschaft, die mit schonungsloser Präzision das Leben dreier Protagonisten seziert, deren Schicksale sich in einer Welt überschneiden, die zunehmend aus den Fugen gerät. Auf nur 170 Seiten entfaltet Messina eine dichte, beklemmende Erzählung, die den Leser in den Strudel der sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen der Gegenwart zieht. Im Zentrum des Romans steht Sabrina, eine alleinerziehende Lehrerin, deren Leben aus den Bahnen gerät, als sie in einem Moment der Überforderung einen Schüler gegen die Wand stößt. Dieser Vorfall ist der Katalysator für eine tiefgehende Reflexion über die Zwänge und Ausweglosigkeit des Bildungssystems, in dem sie arbeitet.

Messina zeigt mit einem geschulten Blick fürs Detail, wie Sabrina von einem System, das sie eigentlich tragen sollte, immer weiter in die Enge getrieben wird, bis sie schließlich daran zerbricht. Parallel dazu begleitet der Roman Paul, einen desillusionierten Literaturwissenschaftler, der in Paris keinen Platz mehr für sich findet. Pauls Abkehr von der akademischen Welt und seine Entscheidung, als Fleischer in einem Großsupermarkt in der Ardèche zu arbeiten, illustrieren die bittere Realität vieler junger Menschen, die von der Gesellschaft und ihren eigenen Träumen im Stich gelassen werden. Messina gelingt es meisterhaft, die innere Zerrissenheit und den langsamen Verlust von Hoffnung in Pauls Leben darzustellen, während er sich mit einem Job zufrieden gibt, der weit unter seinen Fähigkeiten liegt. Der dritte Handlungsstrang dreht sich um Aurélien, einen Kastanienbauern, der gegen die staatlichen Auflagen und die wirtschaftlichen Zwänge ankämpft. Seine Geschichte ist eine tragische Allegorie auf den Niedergang der ländlichen Traditionen und den erbitterten Überlebenskampf kleiner Familienbetriebe in einer zunehmend globalisierten und entfremdeten Welt. Aurélien wird zum Symbol für den Verlust von Identität und Autonomie, der sich wie ein roter Faden durch den gesamten Roman zieht. Die Gewalt, die schließlich in den öffentlichen Selbstmord eines Studenten und den darauffolgenden Massenprotesten gipfelt, ist der erschütternde Höhepunkt einer Erzählung, die von Anfang an auf eine Katastrophe zusteuert. Messina beschreibt diese Eskalation mit einer Klarheit, die dem Leser den Atem raubt. Die Frage, die der Roman aufwirft – in welcher Zukunft wollen wir leben und was sind wir bereit, dafür zu opfern? – hallt lange nach dem Lesen nach und zwingt zur Auseinandersetzung mit den eigenen Ängsten und Hoffnungen. Die Entblössten ist ein Roman, der die Dringlichkeit der aktuellen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme schonungslos offenlegt. Messina hat mit diesem Werk ein intensives und ergreifendes Stück Literatur geschaffen, das gleichermaßen alarmiert und berührt. Es ist ein Buch, das niemanden unberührt lässt und das eine starke, kritische Stimme in der modernen Literatur darstellt.