// aufgelesen vol. (5)71 – „stadt der hunde“

mit dem Werk „Stadt der Hunde“ von Leon De Winter. // Leon de Winter ist bekannt für seine meisterhaften Thriller, die Spannung mit philosophischen und politischen Themen verbinden. Stadt der Hunde fügt sich perfekt in sein beeindruckendes Werk ein – ein Roman, der einen nicht nur atemlos durch die Seiten treibt, sondern auch tief in […]

mit dem Werk „Stadt der Hunde“ von Leon De Winter.

// Leon de Winter ist bekannt für seine meisterhaften Thriller, die Spannung mit philosophischen und politischen Themen verbinden. Stadt der Hunde fügt sich perfekt in sein beeindruckendes Werk ein – ein Roman, der einen nicht nur atemlos durch die Seiten treibt, sondern auch tief in die menschliche Psyche eintaucht. Im Zentrum der Geschichte steht Jaap Hollander, ein ehemaliger Gehirnchirurg, dessen Leben von einem unaufgelösten Trauma überschattet wird: dem Verschwinden seiner Tochter in Israel vor zehn Jahren. Seither kehrt er jedes Jahr nach Tel Aviv und in die Negev-Wüste zurück, getrieben von der Hoffnung, doch noch eine Spur von ihr zu finden. Doch dieses Mal nimmt seine Reise eine unerwartete Wendung. In der kargen, hitzeflimmernden Landschaft der Wüste wird er plötzlich um eine hochriskante Gehirnoperation gebeten. Seine Patientin? Eine mächtige, aber nicht näher definierte Frau, deren Überleben möglicherweise weitreichende Konsequenzen hat – nicht nur für sie selbst, sondern auch für Hollander. Denn diese Operation könnte ihm die eine Information liefern, die er seit einem Jahrzehnt sucht: Was ist mit seiner Tochter passiert?

De Winters Erzählen ist ebenso elegant wie kompromisslos. Der Roman verbindet eine klassische Thriller-Mechanik mit tiefgehenden Reflexionen über Verlust, Schuld und die unerbittliche Suche nach Antworten. Hollander ist eine faszinierende Figur – brillant, aber zerrissen; ein Mann, der sich äußerlich mit der Rolle des besonnenen Arztes identifiziert, innerlich jedoch von einem Chaos aus Trauer und Besessenheit beherrscht wird. Die Atmosphäre in Stadt der Hunde ist bedrückend und hypnotisierend zugleich. De Winter beschreibt Tel Aviv nicht als eine Stadt der Strände und des Lichts, sondern als eine pulsierende, fieberhafte Metropole, in der Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschmelzen. Die Wüste wird zur Metapher für Hollanders innere Leere, ihre unendliche Weite reflektiert seine Orientierungslosigkeit. Doch was diesen Roman so besonders macht, ist die raffinierte Balance zwischen Thriller und Charakterstudie. De Winter spielt meisterhaft mit Spannung: Die Operation selbst ist ein packender, medizinisch präzise beschriebener Höhepunkt – eine riskante Gratwanderung zwischen Leben und Tod. Gleichzeitig zieht sich die emotionale Spannung wie ein ständiger Sog durch das Buch. Gibt es wirklich eine neue Spur zu Hollanders Tochter? Oder ist er dabei, sich in einem Netz aus Hoffnungen und Illusionen zu verstricken? Der Titel Stadt der Hunde lässt sich auf mehreren Ebenen deuten. Einerseits verweist er auf die Straßenhunde Tel Avivs, auf ihre Wildheit, ihr Leben am Rand der Gesellschaft – ein Spiegelbild von Hollander, der sich selbst als Getriebener, als Außenseiter in seiner eigenen Existenz wahrnimmt. Andererseits ist da die Frage, wer in diesem Spiel tatsächlich die Jäger und wer die Gejagten sind. Wie schon in früheren Romanen wie Das Recht auf Rückkehr oder Malibu kombiniert de Winter auch hier wieder Thriller-Elemente mit politischen Untertönen. Israel ist mehr als nur ein Schauplatz; es ist ein Land, das selbst von ungelösten Konflikten und schmerzhaften Erinnerungen gezeichnet ist – eine Parallele zu Hollanders persönlicher Geschichte. Das Finale ist ebenso düster wie zwingend. Es gibt keine einfachen Antworten, keine klaren Auflösungen – aber genau das macht Stadt der Hunde so nachhaltig beeindruckend. De Winter beweist einmal mehr, dass wahre Spannung nicht nur aus äußeren Gefahren entsteht, sondern vor allem aus den inneren Kämpfen seiner Figuren. Ein meisterhafter, tiefgründiger Thriller, der ebenso intelligent wie packend ist. Wer literarisch anspruchsvolle Spannungsliteratur schätzt, wird dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen können.